Göttinger Cimeliennavigation

Zur Einführung
Buchgeschichte und Provenienzermittlung

 

Im Mai 1773 reiste der Bibliothekskustos Jeremias Nikolaus Eyring (1739 – 1803) im Auftrage Christian Gottlob Heynes (1729 – 1812), Professor und Leiter der Universitätsbibliothek, mit sieben Dukaten von Göttingen nach Nürnberg. Dort sollte er die Summe dem Besitzer einer spätmittelalterlichen Handschrift aushändigen, über deren Anschaffung für die Göttinger Bibliothek Heyne mehrere Wochen verhandelt und schließlich einen Abschluss erzielt hatte.

Bellifortis
2° Cod. Ms. philos. 63 Cim. Bellifortis
(Ausschnitt)
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Gegenstand des Geschäftes war eine Handschrift, die heute zu den besonderen Zimelien der Bibliothek zählt, der sogenannte Bellifortis des Konrad Kyeser. Konrad Kyeser aus Eichstätt (1366 – um 1405) ist der früheste namentlich bekannte Verfasser technischer und militärwissenschaftlicher Darstellungen des späten Mittelalters. Der Bellifortis gehört neben dem anonymen Feuerwerkbuch zu den erfolgreichsten Kriegsschriften seiner Zeit. Er ist in verschiedenen Fassungen in etwa 20 Papierhandschriften des 15. Jahrhunderts überliefert. Die wertvollste erhaltene Handschrift ist aber der vorliegende Pergament-Kodex, der König Ruprecht von der Pfalz gewidmet ist und die Nähe des Verfassers Konrad Kyeser zum Hof König Wenzels IV. von Böhmen (1361 – 1419) aufweist. Die zahlreichen anschaulichen Illustrationen, die auch der zivilen Technik breiten Raum gewähren, stammen aus der Prager Buchmalerschule, die von Kaiser Karl IV. (1316 – 1378) eingerichtet worden war. Ein Beispiel für den Bildschmuck der Handschrift ist die Darstellung der Speerspitze Alexanders des Großen mit Namen „Meufaton“, der magische Kräfte bei der Vertreibung von Feinden und Tyrannen zugeschrieben werden.

Eigentümer des Buches war im Frühjahr 1773 Johann Siegmund Stoy, ein 1745 in Nürnberg geborener Gelehrter. Nach Studien in Altdorf und Leipzig hatte er seit 1767 eine Stelle als Frühprediger inne, die er aber nur bis 1771 behielt. Seine nächste Anstellung bekam er erst 1774 als Pfarrer in Henfenfeld. Zu dem Zeitpunkt, als Heyne mit ihm über den BellifortisBellifortis verhandelte, hatte Stoy anscheinend kein regelmäßiges Einkommen und war möglicherweise gerade so knapp bei Kasse, dass er sich zum Verkauf der Handschrift genötigt sah und am Ende die finanziellen Vorschläge aus Göttingen akzeptierte. Ursprünglich hatte Stoy einmal 20 Dukaten erzielen wollen, musste seine Erwartungen aber schon bald auf zehn Dukaten reduzieren. Ende April 1773 berichtete Heyne in der Angelegenheit nach Hannover und bot schließlich am 8. Mai sieben Dukaten an, auf die Stoy sich einließ. Der Handel war perfekt, das Buch für Göttingen gekauft. Schon am 12. Mai trugen die Göttinger Bibliothekare den Titel in ihre Erwerbungsakten ein und wiesen ihm einen Platz in der Fachgruppe Militärgeschichte (Historia rei militaris) zu. Am selben Tag brach Eyring mit dem Geld nach Nürnberg auf. Den Empfang quittierte Stoy in einem kurzen Brief vom 19. Juni 1773.

Es ist keineswegs die Regel, Zugangdass sich die Geschichten um die Erwerbungen von Büchern für die Universitätsbibliothek so detailliert rekonstruieren lassen wie im Fall des Bellifortis. Hier sind es Informationen aus mehreren Quellen, die den oben skizzierten Ablauf der Ereignisse beleuchten: Im Bibliotheksarchiv werden drei Schriftstücke zu dem Vorgang aufbewahrt, aus denen Nachrichten zu den Verhandlungen über den Kaufpreis und zur Identität des Verkäufers hervorgehen. Einzelheiten seiner Biographie wiederum sind dem vierten Supplementband zum Nürnbergischen Gelehrtenlexikon (Nürnberg 1808) zu entnehmen. Und schließlich enthält das Manual von 1773, das Zugangsbuch der Bibliothek, eine Notiz über den Eingang der Handschrift.

Wann und woher, von wem und für welchen Preis die Bibliothek ihre Bücher erwarb, erschließt sich – wie das Beispiel zeigt – zumeist erst durch Konsultation von Quellen zur Bibliotheksgeschichte und einschlägigen Hilfsmitteln. Dabei muss zunächst die Akzessionsnummer des Buchs ermittelt werden, die im Alphabetischen Bandkatalog der Bibliothek vermerkt ist. Sie bildet die Verzahnung mit weiteren Sonderkatalogen und dem Manual, das den unmittelbaren Vorbesitzer, den örtlichen Buchhändler oder die Herkunft aus einer Auktion nennt. Für Institutionen, die ihre Sammlungen über Jahrhunderte zusammentragen, ist diese Art der Bestandserschließung von besonderem Reiz, macht sie doch die individuelle Geschichte der Objekte in ihrem früheren, heute aufgelösten Zusammenhang transparent. So stolz die Bibliothek darauf ist, viele unterschiedliche Vorgeschichten unter ihrem Dach zu einem (hoffentlich endgültigen) Zielpunkt gebracht zu haben, so sehr belebt es ihre Bestandsgeschichte, in der Fülle von Büchern die Konturen vieler älterer Episoden und Geschichten erkennbar werden zu lassen. Das ist Aufgabe jeder Provenienzermittlung.

(JM/HR)