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von Kapitel 2

Kapitel 2
Schenkungen vollständiger Sammlungen

Auch wenn ihre Bearbeitung im Detail mitunter mit Problemen behaftet sein kann: Für Bibliotheken ist die Übernahme vollständiger Sammlungen nicht erst in der heutigen Zeit knapper Kassen eine besonders willkommene Form der Bestandsmehrung. Denn die Übernahme von Buchbeständen durch Legate aus dem Besitz eines noch lebenden oder verstorbenen Gönners verursacht in der Regel für die begünstigte Einrichtung keinerlei Anschaffungskosten. Nicht selten allerdings werden Auflagen oder zumindest Wünsche mit dem Vermächtnis verbunden, die bisweilen Abweichungen von der bibliothekarischen Praxis bedeuten. Dann muss mit aller gebotenen Sensibilität eine für alle annehmbare, pragmatische Lösung gefunden werden.

Uffenbach
Johann Friedrich Armand von Uffenbach (1687 – 1769)

Die Göttinger Bibliothek hat im Lauf ihrer Geschichte von ganz unterschiedlichen Seiten Schenkungen erhalten. Eine erste Schenkung allerhöchster Bedeutung erhielt sie kurioserweise noch vor ihrer feierlichen Eröffnung. In den Jahren der Vorbereitung des Universitätsbetriebes wurden die Kontakte zwischen Göttingen und dem Frankfurter Patrizier Johann Friedrich Armand von Uffenbach (1687 – 1769) so weit vertieft, dass 1736 ein offizielles Dokument über die Donation der Uffenbachschen Bibliothek aufgesetzt werden konnte. Was war der Hintergrund? Uffenbach, studierter Jurist und ganz den Ideen der Aufklärung verpflichtet, war ein kunstsinniger Mensch. In Frankfurt begründete er eine Gesellschaft zur Pflege von Wissenschaft und Kunst, hielt selbst Vorträge über künstlerische Techniken und machte sich auch als Architekt einen Namen. Aber er hatte ein Problem: Der Rat seiner Heimatstadt drängte Uffenbach zur Übernahme standesgemäßer Amtsgeschäfte, derer dieser sich zu entziehen trachtete. Es kam zum offenen Streit. Wollte Uffenbach seine Heimat nicht verlassen, blieb ihm nur ein Ausweg: ein hohes militärisches, auswärtiges Amt, mithilfe dessen er sich dauerhaft von seinen städtischen Pflichten befreien konnte. Eine Lösung zeichnete sich nun mittels der oben erwähnten Kontakte nach Göttingen ab. Uffenbach wurde von König Georg II. zum Königlich Großbrittanisch Churfürstlich Braunschweigisch Lüneburgischen Artillerieobristlieutenant erhoben und war für die Stadtoberen in Frankfurt damit nicht mehr zu belangen. Ein Jahr zuvor wurde im Gegenzug die Schenkung auf den Weg gebracht. Göttingen sollte nicht nur Uffenbachs 2.289 Bände umfassende Bibliothek, sondern auch sein graphisches Kabinett und seine Instrumentensammlung erhalten. Der Zuschnitt der Bibliothek schien besonders geeignet, um den noch kleinen Bestand der Universitätsbibliothek zu vergrößern, denn Uffenbach hatte Vieles gesammelt, was im vorgesehenen Grundstock der Bibliothek fehlte. Unstimmigkeiten darüber, ob die Sammlungen sofort, also noch zu Uffenbachs Lebzeiten, übergeben werden sollten, wie man es natürlich in Göttingen wünschte, oder ob die Übereignung erst nach seinem Tode erfolgen sollte, wie es der Stifter vorschlug, waren bis dahin im Sinne Uffenbachs geregelt worden. Für die Bibliothek begann damit eine nicht unkomplizierte und mit Blick auf die vorgesehene Regelung auch von Sorgen und Befürchtungen bestimmte Wartezeit von mehr als 30 Jahren. Tatsächlich kam es nach Uffenbachs Tod im Jahre 1769 zu Streitigkeiten mit den Erben. Aber noch im selben Jahr war es dann schließlich so weit: In mehreren Lieferungen wurde die der Universität zugedachte Hinterlassenschaft Uffenbachs nach Göttingen gebracht. Zahlreiche Werke zur Architektur- und Kunstgeschichte sowie mathematische, physikalisch-technische, militärische und ikonographische Titel konnten so dem Bestand einverleibt werden. Das Versprechen, die Schenkung geschlossen aufzustellen und mit einer eindeutigen Bezeichnung in der Signatur kenntlich zu machen, wurde eingelöst und wird bis heute gehalten: Die Bücher der Bibliothek Uffenbach stehen als gesonderte Bestandsgruppe im Rara-Magazin der Bibliothek.

Münchhausen Ex libris
Exlibris Börries von Münchhausen

Auf ganz andere Art kompliziert war die Übernahme der Bibliothek von Börries von Münchhausen (1874 – 1945). Münchhausen, der aus dem bekannten Adelsgeschlecht stammte, war wie Uffenbach Jurist, widmete sich aber auch den Künsten und der Philosophie. In Sahlis und Windischleuba betätigte sich Münchhausen literarisch. Zwar wurde schon vor Ende des Zweiten Weltkrieges festgelegt, dass sein Nachlass der Göttinger Bibliothek überlassen werden sollte, doch nach dem Tod des Eigentümers 1945 verhinderte die deutsch-deutsche Teilung den Vollzug der Regelung. Stattdessen blieb der Nachlass in Jena, wo man allerdings um die Vorgeschichte wusste und die Sammlung mit entsprechendem Feingefühl verwaltete. Nach dem Fall der Mauer und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten war der Weg frei, um auch diese Angelegenheit im Sinne des Stifters zu regeln. 1991 kam das Vermächtnis dorthin, wo es schon seit langem hätten stehen sollen, in das Sondermagazin der Göttinger Bibliothek.

Der dritte in diesem Kapitel illustrierte Fall eines Legates trat gänzlich unerwartet im Jahre 2003 ein. Diesmal ging alles sehr schnell. Wenige Telefonate und Besuche vor Ort genügten, um die Übernahme der Bibliothek Klammer aus Marburg in die Wege zu leiten. Sie ist das Ergebnis der Sammlungstätigkeit des Ingenieurs Gerhard Klammer, der lange im Ausland, insbesondere in Südamerika, lebte und bis zu seinem Tode hauptsächlich Literatur zum Thema Brasilien erwarb. Ohne dass die Göttinger Bibliothek etwas davon gewusst hätte, bestimmte Klammer sie als letzten Aufbewahrungsort seiner Bücher. Grund dafür war ein Gefühl von Dankbarkeit gegenüber der Georgia Augusta, deren Ausbildungsangebot unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für Klammers berufliche Karriere gelegt hatte. Einige Jahre nach seinem Tod wurde dieses Vermächtnis nun erfüllt. Auch diese Sammlung wurde vollständig und geschlossen in den Bestand übernommen.

(JM)