88. Bibliothekartag - Kurzreferate

Themenkreis IV: Bibliotheksorganisation im Wandel
(unter Mitwirkung der DBI-Kommission für Organisation und Betrieb)

Mittwoch, 3.6.98, 9.00 - 10.45, HS VI


Bibliotheksmanagement zwischen Theorie und Praxis
Dr. Roswitha Poll, Münster

Ein ganzes Bündel von Maßnahmen und organisatorischen Änderungen wird den Bibliotheken in der Literatur empfohlen, damit sie in der veränderten Informationswelt bei zurückgehenden Ressourcen und gleichzeitig einer anspruchsvollen Klientel gegenüber bestehen können. Die Vorschläge reichen von Einzelmaßnahmen der Prozeßoptimierung bis zu radikalen Veränderungen in Organisation und Führungsstil. Die angesprochenen Methoden lehnen sich an Erfahrungen und Modelle aus der Wirtschaft an, sind aber zumeist auch in Dienstleistungsbetrieben erprobt worden.

Das Spektrum der vorhandenen Handbücher und Einführungen erlaubt es inzwischen, sich nach Bedarf der einzelnen Bibliothek aus dem Warenkorb der angebotenen Rezepte zu bedienen - aber geschieht das eigentlich? Termini wie lean library, Team-Management, Leistungsmessung oder TQM tauchen auch in deutschen Bibliothekszeitungen immer häufiger auf; in der Praxis werden neue Managementmethoden aber noch selten systematisch eingesetzt.

Der Vortrag stellt Theorie und Praxis gegenüber und vergleicht Erfahrungsberichte aus verschiedenen Ländern.


Veränderungsmanagement in Bibliotheken im Spannungsfeld zwischen Bewahren und Verändern. Eine Anleitung zum Scheitern von Veränderungsprozessen
Dieter Tappe, Bremen

In diesem Vortrag werden Praxiserfahrungen aus unterschiedlichen Veränderungsprojekten und –prozessen in Verbindung gebracht zu neueren Theorien und Modellen - insbesondere aus Ansätzen der Selbstorganisationstheorie und Systemik.

Einige Tips zum erfolgreich Scheitern von Veränderungsprozessen sollen das schon bestehende Repertoire des Zuhörers deutlich erweitern.

Veränderung verstehen: Modelle, Grundprinzipien, Vorannahmen

Veränderung gestalten: Basisstrategien, Instrumente, Methoden

Veränderung dynamisieren: Kommunikation, Regelbildung, Prozeß-Architekturen


Die Bibliothek als Profit-Center
Dr. Rafael Ball, Jülich

In wirtschaftlich schweren Zeiten haben Unternehmen wie Wissenschaftsorganisationen nur noch ein kurzfristiges Ziel: die Erhöhung von Profitabilität bzw. die Einsparung von Mitteln. Um dieses Ziel zu erreichen, wird häufig die Aufbauorganisation verändert, werden massive Um- und Neustrukturierungen der Unternehmen und Organisationen vorgenommen. Hierarchieebenen sollen abgebaut werden und möglichst kleine, überschaubare, eigenverantwortliche Einheiten, an deren Spitze nur eine einzige verantwortliche Person steht, aufgebaut werden. Der Erfolg dieser Einheiten wird dann in der Regel am Deckungsbeitrag oder am Gewinn gemessen oder aber an der Aufrechterhaltung der Funktion bei vorgegebenen Mitteln, etwa bei der Budgetierung. Längst ist auch im Bereich von Bibliotheken über derartige Managementmaßnahmen nachgedacht worden. Die Bibliothek soll damit veranlaßt werden, Funktionalität und Service mit selbstverwalteten Mitteln aufrecht zu erhalten oder sogar noch einen Teildeckungsbeitrag für das Gesamtbudget einer Hochschule oder Forschungseinrichtung zu leisten. Der Vortrag befaßt sich einerseits mit den Grundproblemen des Profit-Centers, des Profit-Center-Managements und seiner Terminologie, und untersucht andererseits die Übertragung dieses Managementinstrumentes auf Bibliotheken und ihren Dienstleistungsauftrag. Es zeigt sich dabei, daß die Übertragung dieser Ansätze auf den Bereich der Bibliotheken teilweise sinnvoll und praktikabel ist, daß es jedoch auch einen großen Bereich gibt, in dem die Profit-Center-Idee der einer Dienstleistungsbibliothek entgegensteht. Ein nach wie vor entscheidender Problempunkt und unlösbarer Widerspruch ist die Unmöglichkeit einer echten Kosten-Nutzen-Analyse für den Wert bibliothekarischer Leistungen. Wenn wie in Profit-Centern alles am Verhältnis von Investition und Gewinn festgemacht wird, so kann diese Managementmethode im Umfeld wissenschaftlicher Bibliotheken letztendlich nicht erfolgreich realisiert werden.


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