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Kapitel 10 - In Dankbarkeit verbunden – Schenkungen Ehemaliger | Übersicht |


98 Das iranische Königsbuch

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Firdausī:
Šāhnāma.
Papierhandschrift,
Persien, Jahr 1030 der Hiğra (= 1620 / 21).
Signatur: 2° Cod. Ms. Asch 79
Provenienz: Georg Thomas von Asch, 1790

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2° Cod. Ms. Asch 79 (Ausschnitt)
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Vor einem Jahrtausend schuf Abu-‘l-Qāsim Firdausī (940 – 1020), der vielleicht berühmteste Dichter der neupersischen Sprache, das Schahname (šāhnāma) oder Königsbuch. Dieses Epos erreicht in manchen Handschriften die Zahl von etwa 60.000 Doppelversen und überragt so dem Umfang nach alles, was in Epen anderer Sprachen überliefert ist. Bis heute gilt es vielen Iranern als wesentliches Zeugnis ihrer Kultur. Einer wohlhabenden Familie aus Tus im Nordosten Irans entstammend widmete sich Firdausī der Sammlung und Dichtung des epischen Stoffes, wobei er sich auf schriftliche und mündliche Traditionen stützte. Er reiht sich damit ein in eine im Laufe des 10. Jahrhunderts entstandene Bewegung, deren Bestreben es war, anknüpfend an vorislamische Traditionen die mythische und historische Geschichte Irans vor dem Islam wieder ins Bewusstsein zu rufen. Nach eigenem Zeugnis arbeitete er 35 Jahre an seinem Werk, das zum Maßstab der seit zwei Jahrhunderten aufblühenden neupersischen Literatur wurde.

Mit Ausnahme weniger Teile, in denen sich Firdausī auf arabische Quellen stützt, weist das Schahname weit weniger sprachliche Einflüsse des Arabischen auf als die neupersische Literatur allgemein. So verhält es sich auch mit der Episode, die die hier abgebildete Miniatur (fol. 217r) illustriert: Der Herrscher Irans Kai Ḫusrau tötet Afrasiyāb, König des Reiches Turan und zugleich sein Großvater.

Jetzt ist von Gott der Vergeltung Tag Gott lohnt das Böse mit bösem Schlag.
Er traf ihm den Nacken mit indischem Stahl Und warf den finsteren Leib zu Tal.
So überträgt in Nachbildung des persischen Metrums Friedrich Rückert (1788 – 1866) den entscheidenden Moment. Firdausī besingt zahllose Taten der Könige und Helden Irans, doch gelingt es ihm, den handelnden Personen individuelle Züge zu verleihen. Oft verknüpft er mit den einzelnen Episoden moralische Schlussfolgerungen.

Die seit dem 14. Jahrhundert häufig mit Miniaturen versehenen Handschriften des Schahname dokumentieren die Entwicklung der persischen Malerei. Die Illustrationen unserer Handschrift weisen durchgehend einen klaren, von gemessenem Rhythmus getragenen Stil auf. Das Werk hebt sich klar von zeitgenössischen Schahname-Illustrationen ab. Die kunsthistorische Einordnung ist jedoch erst noch zu leisten. Die Herkunft der Handschrift lässt sich über Georg Thomas von Asch bis nach Transkaukasien verfolgen, wo sie der bekannte Kaukasusreisende Christian Rudolf Ehlich (1744 – 1793) erwarb. Joseph von Görres (1776 – 1848) nahm diese Handschrift zur Grundlage seiner frühen deutschen Bearbeitung des Epos (Berlin 1820).

(WS)