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40 Andreas Vesalius –
Begründer der modernen Anatomie

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Andreas Vesalius:
De humani corporis fabrica libri septem.
Basel: Johannes Oporinus, 1543.
Signatur: 2° Hist. nat. zool. XI, 4420 Rara
Provenienz: Johannes Nettis, Auktion Leiden, 1774

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2° Hist. nat. zool. XI, 4420 Rara (Ausschnitt)
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Andreas Vesalius’ (1514 – 1564) Hauptwerk De humani corporis fabrica wurde ebenso wie Nikolaus Kopernikus’ De revolutionibus orbium coelestium im Jahre 1543 veröffent- licht. Es hatte eine völlig neue Sichtweise des menschlichen Körpers und physiologischer Systeme überhaupt zur Folge. Während De revolutionibus die Astronomie des Aristoteles in Frage stellte, beseitigte De humani corporis fabrica überkommene Vorstellungen zur Anatomie und Physiologie, die noch von Galen (um 129 – um 199) und anderen antiken Medizinern stammten. Beide Werke waren somit für die „wissenschaftliche Revolution“ der frühen Neuzeit von entscheidender Bedeutung, weil beide die wissenschaftliche Beobachtung der natürlichen Welt an die Stelle des Studiums antiker Texte setzten.

Der aus Brüssel stammende Vesalius machte seine ersten Erfahrungen in der Kunst des Sezierens an der Pariser Universität. Zuvor war es üblich gewesen, während des Sezierens die klassischen medizinischen Texte vorzulesen. Als Vesalius 1537 eine Anstellung als Chirurg an der Universität Padua erhielt, reformierte er den anatomischen Unterricht, indem er die vormals getrennten Funktionen des Vortragenden, des Vorführenden und des Sezierers in seiner Person vereinigte und für die Studenten anatomische Zeichnungen drucken ließ, die auf faktischer Beobachtung basierten. De humani corporis fabrica präsentierte Vesalius’ anatomische Beobachtungen auf systematische Weise. Durch seine zahlreichen detaillierten Darstellungen reformierte das Buch Forschung und Lehre gleichermaßen.

Besondere Berühmtheit hat das Frontispiz erlangt, das eine Sektion in einem anatomischen Theater zeigt. Umgeben von Studenten und Ärzten, von Vertretern der Universität, der Stadt und der Kirche steht Vesalius an einem Operationstisch und untersucht eine geöffnete weibliche Leiche. Das in der Bildmitte oberhalb der Zuhörer angebrachte Skelett repräsentiert die Grundlage der neuen Anatomie, die Osteologie oder Lehre vom Knochenbau des menschlichen Körpers. Die in dem Bild zu sehenden Tiere, ein Affe am linken Bildrand und ein Hund im Vordergrund rechts, weisen auf die überkommenen Studienobjekte der Anatomie, mit denen Vesalius’ Vorgänger Galen arbeitete. Die einzige weibliche Person im Auditorium ist links von der Bildmitte zu sehen: eine Hebamme und somit Vertreterin eines medizinischen Standes, für den das Studium der Anatomie von Bedeutung war. Vorn rechts wendet sich ein älterer Besucher vom Betrachten der Sektion ab, vermutlich ein Vertreter der antiken medizinischen Tradition.

(KMO)